Carl Ludwig Schreiber (1903–1976): Ein Pionier der universitären Landschaftsarchitektenausbildung in Deutschland.

Katharina Christenn

Im Jahr 1956 wurde an der Technischen Hochschule München am Standort Freising-Weihenstephan eine der ältesten universitären Landschaftsarchitekturschulen Europas gegründet. Neben den unmittelbar nach dem Krieg gegründeten Studiengängen in Hannover und Kassel (Werkakademie) und der einzigen Institution aus Vorkriegszeiten an der Berliner Universität, wurde in Freising unter dem Ordinarius Carl Ludwig Schreiber (1903–1976) bis 1972 ein prominenter Anteil der in den folgenden Jahrzehnten tätigen westdeutschen Planer ausgebildet.

Die Gründung des Studienganges „Garten- und Landschaftsgestaltung“ erfolgte als Reaktion auf bisher nur fragmentarisch erforschte Veränderungen des Berufsbildes und mit dem Ziel, die traditionellen Ausbildungsmöglichkeiten an den Gärtnerlehranstalten zu erweitern. Trotz der Pionierrolle der TH München wurde der institutionelle Kontext bisher kaum beleuchtet. Schreiber, der seine berufliche Laufbahn in den späten 1920er Jahren begonnen hatte und in der Nachkriegszeit als Honorarprofessor für Gartengestaltung im Architekturstudiengang der RWTH Aachen lehrte, ist heute nahezu unbekannt. Im Kontrast hierzu steht die Tatsache, dass die Beteiligung seiner Generation am Wiederaufbau und Schreibers Einfluss über die Lehre noch heute unsere Lebensräume prägen. Dies soll umfassend untersucht werden. Das Projekt analysiert die maßgeblichen Einflussgrößen in Schreibers beruflicher Entfaltung und deren Auswirkungen auf seine Lehre in den Nachkriegs-Jahrzehnten. Im Zentrum stehen die Konzepte für eine zeitgemäße Gestaltung menschlicher Lebensräume. Ideologische Gehalte sollen hinsichtlich professionsgeschichtlicher Kontinuitäten und Brüche im Spannungsfeld von Naturromantik, Modernisierungsstreben und NS-Ideologie identifiziert und auf Fortwirken in die jüngere Vergangenheit hin überprüft werden. So wird eine Bewertung jener Aspekte in Schreibers Lehre möglich, die seine Schüler, darunter nachfolgende Lehrstuhlinhaber, beeinflusst haben. 

Quellenlage und Zugänglichkeit von Forschungsmaterial sind als exzellent zu betrachten. So befindet sich – neben zahlreichen studentischen Entwürfe aus Schreibers Aachener und Münchener Lehre –auch Schreibers fachlicher Nachlass in den Beständen der TUM, der im Rahmen des Projektes systematisch erschlossen wird. Die einschlägigen Vorarbeiten der Verfasserin bieten eine gute Grundlage für eine differenzierte, Kontext-orientierte Aufarbeitung der Entwicklungen der Aachener und Münchener Lehrkonzepte im Licht gesellschaftlichen Wandels unter Anwendung qualitativ-historischer Methodik wie Texthermeneutik, Analyse von Zeichnungen und Oral History. Die Ergebnisse sollen der Fachwelt in Form einer Monographie verfügbar gemacht werden.

Die fragmentarisch vorliegende jüngere Geschichte der gebauten Umwelt wird mit dem vorliegenden Projekt um die Grundzüge der Aachener Lehre und den Ausbildungsstandort an der TH München und seine Spezifika ergänzt. Darüber hinaus werden auch in Ansätzen verallgemeinerbare Erkenntnisse zur Professionsgeschichte der Landschaftsarchitektur sowie der räumlich entwerfenden Disziplinen insgesamt erwartet. Dies stellt einen wesentlichen Baustein zur Vervollständigung der deutschen Planungs- und Baugeschichte dar, der hinsichtlich heutiger Ziele von Nachhaltigkeit und Naturerleben in der Stadt überfachliche Relevanz besitzt.